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"Wie man oft so sagt, ist der Mensch die am höchsten entwickelte Gattung auf
unserem Planeten Erde. Er hat sich im Lauf der Zeit die Fähigkeit angeeignet, als
Baby zu brabbeln und in weiterer Folge fast sein ganzes Leben lang zu sprechen. Entweder
zu sich selbst oder zu anderen Menschen. Die Größe des menschlichen Mundes
ist einerseits ein guter Kompromiss zwischen den beiden Vergnügen, die der Mund oft
auch aller Menschen bietet; Von diesen ist Sprechen wohl der interessantere, wenn es
auch bei weitem nicht so nahrhaft ist. Stimmen Sie mir da zu?"
"Was? Ich ....."
"Gut. Also, ich will Ihnen hier keine lange Geschichte erzählen, denn für
so was habe weder ich noch Sie Zeit. Darum will ich mich auch im Weiteren kurz halten.
Der Aspekt der Sprache bringt auch noch etwas anderes mit sich: Sie macht Wörter
wie 'werktags' möglich. Für mich bedeutet das aber wenig, weil für mich
jeder Tag ein Werktag sein kann. Meine Feiertage mache ich, wann ich will und kann.
Aber ich nehme meine Arbeit ernst, und deswegen habe ich keine Zeit für Ihre
Sonderwünsche."
Ich wartete keine Antwort ab, sondern ließ den Telefonhörer gleich wieder in
die Gabel flutschen, was meine Deutlichkeit - so hoffte ich zumindest - noch
unterstreichen sollte. Das brauchte ich jetzt. Es gibt nichts erleichterndes, als
jemandem gehörig die Meinung zu sagen, und wenn es nur der Hausmeister ist, der
die Glühbirnen im Hausflur auswechseln will und dazu die Leiter braucht, die
ich mir vor einiger Zeit ausgeborgt hatte. Wenn ich keine Zeit habe, dann habe ich
eben keine. Denn ich habe nicht gelogen: Ich nehme meinen Job wirklich ernst, und die
Zeit ist nicht mein einziger Gegner, aber mein stärkster.
Tatsächlich, die Zeit ist knapp. Beinahe so knapp wie der Whiskey in der Flasche vor
mir, die ich schon seit Jahren aus Sicherheitsgründen immer auf meinem Schreibtisch
abstelle. Und immerhin brauche ich bei meiner Tätigkeit höchste Konzentration.
Ich löse Fälle, und zwar fast alle.
Es war Dienstag nachmittag und mein Stuhl quietschte. Die Sonne schien durch die
halbgeschlossene Jalousie, auf der eine Fliege gerade ihr Unwesen trieb. Ein Stapel
frischgedruckter Visitenkarten lag vor mir: 'Wazle Hazlenut, Privatdetektiv', und ich
dachte, daß ich die wohl nicht so schnell los werden würde. Denn mein Ruf
eilt mir weit voraus: Nicht ich muß zu den Leuten gehen, nein, die Leute kommen
zu mir.
So wie auch der Typ mittlerer Gestalt, der an jenem Tag in mein Büro stürmte
und mich gerade dabei erwischte, als ich - aus rein gesundheitlichen Gründen -
in der Nase bohrte. Das machte ihn mir gleich unsympathisch, denn er hatte nicht
angeklopft. Irgendwie kam er mir bekannt vor, ich wußte nur nicht mehr, wo ich
ihn schon einmal gesehen hatte.
"Ich habe gehört, Sie sind Privatdetektiv?" fing er an.
"Der Beste", gab ich, ohne meinen Stolz zu verbergen, zurück.
"Gut. Dann würde ich Sie gern um Ihre Hilfe bitten dürfen."
Mittlerweile schon etwas genervt meinte ich: "Wenn Sie es gern dürfen
können würden, dann machen Sie es doch auch. Ich habe meine Zeit doch auch
nicht gestohlen."
Was zweifelsohne stimmte. Auf meinen Ratschlag hin fing der Typ an, mir seine
Lebensgeschichte preis zu geben. Um mir die Zeit zu vertreiben, schaltete ich das Radio
leise ein. Aufmerksam lauschte ich der Stimme - nicht meines Gegenübers, sondern
jener im Radio, denn gerade wurde ein Beitrag über die Risiken und Nebenwirkungen
von Whiskey gesendet. Ich konnte mir es aber immerhin erlauben, lieber der Reportage
als meinem Klienten zuzuhorchen, denn ich wußte schon: Meistens verhält es
sich so, daß die Leute zuerst immer eine halbe Stunde irgendwelche Dinge
erzählen, die erstens sowieso keinen Menschen interessieren und mir zweitens
keineswegs beim Lösen des Falls helfen. Außerdem will ich immer jeden
Auftrag unvoreingenommen angehen, ohne daß ich schon im Vornherein eine Position
für oder gegen meine Kunden beziehen muß. Dabei stört mich das
Gequatsche nur.
"Also, jetzt habe ich Ihnen genug erzählt, damit Sie mein Problem
verstehen. Und das Problem wäre folgendes: Ich glaube nämlich, daß mich
meine Freundin betrügt."
Aha. Jetzt begann also der interessante Teil.
"Wer?" fragte ich deswegen nochmals, während ich das Radio abstellte.
"Meine Freundin."
"Aja. Verstehe. Und mit wem?"
"Wenn ich das wüßte, wäre ich wohl kaum zu Ihnen gekommen.
Ich würde Sie jetzt bitten, meine Befürchtungen einmal zu überprüfen.
Observieren Sie sie, aber gehen Sie dabei möglichst diskret vor. Ich möchte
nicht, daß meine Freundin zu früh etwas davon erfährt, besonders,
wenn es nicht stimmt."
"Aber ich bitte Sie - Diskretion ist mein zweiter Name. Ich sorge schon dafür,
daß es unter uns bleibt."
"Super. Jetzt komme ich gerade darauf, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.
Ich bin Mike Svenson. Hier ist meine Adresse und Telefonnummer" - er reichte mir
ein Kärtchen - "unter der Sie mich erreichen können. Aber rufen Sie erst
ab sieben Uhr abends an, vorher werden Sie wahrscheinlich hoffentlich nur meine Freundin
erreichen."
"Alles klar." meinte ich, "Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde mir
mal ihr Mädchen genauer unter die Lupe nehmen. Ich rufe Sie dann an, wenn ich
etwas in der Hand habe."
Der Typ glotzte noch ein wenig, aber als ich schließlich die Hand aufhielt,
verstand er mich richtig und legte ein paar Geldscheine hinein. Ich bedankte mich
artig, auch wenn mir der Mann noch immer unsympathisch war. Immerhin will ich meine
Kunden nicht vergraulen, und auch wenn ich dem Kapitalismus sonst nichts abgewinnen
kann, muß ich doch von irgendetwas meine Miete und mein tägliches
Vollkornweckerl zahlen. Während ich ihm die Tür zeigte, fragte ich ihn
noch, welches Lokal seine Freundin normalerweise frequentierte.
Um etwa halb acht Uhr abends betrat ich das "Winner's Edge". Es war
mäßig gefüllt, was ungewöhnlich für einen Dienstagabend war.
Fred, der Barkeeper und einer meiner vertrautesten Freunde, schien recht gestresst
zu sein, weshalb ich es ihm nicht verübeln konnte, daß er mich nicht
einmal grüßte. Ich beschloß, mich an die Bar zu setzen, was
ebenfalls ungewöhnlich war, denn normalerweise setzte ich mich auf meinen
Stammplatz, den guten alten Tisch 3, ein paar Meter vom obligatorischen Klavier
entfernt. Nicht sofort, aber definitiv gut gelaunt, gesellte sich Fred zu mir
und stellte mir ein abfarbiges, undefinierbares Gesöff vor die Nase.
"Hier, probier das mal und sag mir, wie's schmeckt."
"Willst du mich vergiften? Was ist das für ein Zeug?"
"Das ist das Geheimnis guter Shake-Kunst. Die Leute rennen mir die Bude ein,
seit sich dieses Baby herumgesprochen hat."
"Dann ist's sicher nichts für mich. Du weißt ja, ich stehe eher auf
Altbewährtes."
Trotzdem nippte ich, was mich dazu veranlaßte, eine Grimasse zu ziehen, nach
der sich Frankensteins Monster alle Finger geleckt hätte. Fred mußte meine
Antipathie bemerkt haben, denn mit einer versöhnenden Miene meinte er: "Gut,
ich sehe schon, ich bringe dir lieber ein Bier."
In heller Vorfreude unterdrückte ich den Brechreiz, der sich langsam in meinem
Gaumen breit machte, und würgte hervor, daß ich schon eines zum
Hinunterspülen gebrauchen könnte.
"Also, was gibt's neues?"
"Ich habe wieder einen Fall übernommen. Leider darf ich nicht drüber
sprechen, mein Klient will anonym bleiben."
"Schade. Und was ist das für ein Fall?"
"Ach, nichts weiter aufregendes. So ein liebestoller Narr glaubt, seine Freundin
würde ihn betrügen. Mike Svenson."
"Aja, das muß der Sohn vom alten Hafenarbeiter Svenson sein, nicht wahr?
Der Alte säuft sich bei mir jedes Wochenende die Hucke voll. Und was glaubst
du, hat der Junge recht mit seiner Vermutung?"
Fred hatte mir damit unbewußt geholfen, zu klären, woher ich meinen neuen
Klienten schon kannte: Früher schon einmal hatte ich nämlich für
den alten Svenson einen äußerst delikaten Fall übernommen und nach
vielen Anstrengungen auch gelöst.
Beruhigt gab ich Antwort: "Na klar. Die Frau - in Wahrheit jede Frau - wäre
ja blöd, wenn sie einem solch langweiligen, naiven Typen die Treue halten
würde. Seien wir uns ehrlich, der alte Svenson hat ja wenigstens was im Kopf,
aber der junge... Und bekanntlicherweise kommt ja nichts besseres nach."
Ich setzte zuerst das Glas Bier zum Trinken an, dann aber sogleich noch einen Satz
dazu: "Außer dieses Bier nach deinem ekligen Getränk."
Fred grinste. "Da hast du wohl recht. Aber was soll's - so gute Umsätze
habe ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Und solange die Leute es trinken,
kräht kein Hahn danach, ob's dir schmeckt."
Da war wohl etwas wahres dran. Ich trank langsam zuerst mein Bier aus, und dann das
meines Barnachbarn, was dieser aber zum Glück eh nicht mehr mitbekam, denn es
war schon spät geworden. Daraufhin setzte ich mich in Bewegung. Ich hatte einen
Fall zu lösen.
Der Abend war lau und ein wenig bewölkt, und in der Luft lag noch der leichte
Geruch eines arbeitsreichen Tages. Obwohl das Lokal, das mir Mike Svenson genannt
hatte, fast am anderen Ende der Stadt lag, dachte ich mir, daß es eine gute
Idee wäre, zu Fuß dorthin zu marschieren. Während des Weges spielte
ich verschiedene Möglichkeiten durch, was ich am Ziel wohl vorfinden könnte.
Am wahrscheinlichsten war, daß ich tatsächlich Mikes Freundin in einer
kompromitierenden Lage auffinden würde, und trotzdem er mir höchst
unsypathisch, um nicht zu sagen beleidigend vorkam, tat er mir in gewisser Hinsicht
leid. Ich selbst war auch schon wieder so lange alleine gewesen, deswegen sagte ich
zu mir selbst, daß es kein verliebter Mann verdient hat, entweder keine Frau
an seiner Seite zu haben, oder noch schlimmer, eine Frau an seiner Seite zu haben,
die ihn nur benutzte. Aber das konnte ich wohl nicht ändern: Manche Menschen
werden schon mit der Eigenschaft geboren, egoistisch und unsensibel zu sein.
Da kam mir auf einmal wieder mein Telefonat mit meinem Hausmeister von heute morgen
in den Sinn, und ich bemerkte erst jetzt, wie barsch ich eigentlich gewesen war.
Man konnte ja nicht gerade behaupten, daß ich ihn mit Respekt behandelt hatte.
Ich stellte mir vor, was ich machen würde, würde jemand, dem ich eigentlich
nur helfen will, mich so behandeln, wie ich es aus reiner Lust an der Freude heraus
getan hatte: Nämlich diese Person so laut zur Rede stellen und ihr meine Meinung
mit solcher Lautstärke kund zu tun, daß sie in das nächste M
usikfachgeschäft gehen müßte, um sich ein neues Trommelfell zu kaufen.
Prinzipiell meine ich nicht, daß ich eine schlechte Person bin. Ich rufe nie beim
Pizzaservice an und gebe eine falsche Adresse durch, und ich habe auch erst einmal
eine Kerze aus der Kirche gestohlen. Niemals im Leben habe ich etwas gestohlen,
außer vielleicht manchen Menschen ihren letzten Nerv, und selten läute
ich an fremden Häusern und laufe dann schnell um die Ecke. Zugegeben, oft habe
ich meine Launen, die auch bewirken, daß viele Leute nie mit mir zurecht
kommen, und es ist auch so, daß man sich erst meine Freundschaft verdienen
muß, aber deswegen bezeichne ich mich nicht als schlechten Menschen. Vielmehr
ist es einfach so, daß ich mir meine Macken erst im Lauf der Zeit angewohnt habe.
Als Privatdetektiv, und noch dazu als so guter, wie ich einer bin, darf man sich eben
nicht herumkommandieren lassen.
Ich glaube fest daran, daß es nach unserem Leben etwas gibt, das über uns
richtet, und wenn das nur die Würmer und Käfer unter der Erde sind, die das
gute Fleisch anknabbern, das modrige, schlechte jedoch einfach liegen lassen, bis es
kein Fleisch mehr ist. Mir persönlich ist es dabei relativ egal, ob ich einmal
als Nahrungsquelle herhalten muss oder nicht, immerhin werde ich dann schon tot sein,
wenn das passiert, aber höchstwahrscheinlich werden mich bei meinem zähen
Muskeln die Tiere der Unterwelt sowieso in Ruhe lassen. Ich werde noch länger
die Kartoffeln von unten betrachten, als manch einem lieb sein wird. Sind es aber
nicht die Würmer, die über uns richten, sondern tatsächlich so etwas
wie ein Gott - ob er jetzt lieb ist oder nicht, lasse ich einmal dahingestellt - dann
wird er sowohl unsere Taten als auch unsere Gedanken bewerten. Das erfüllt mich
immer, wenn ich darüber nachdenke, mit ein wenig Hoffnung. Denn als Schnüffler
habe ich viele gute Ideen, um meinen Klienten zu helfen, was auch der Grund sein
dürfte, daß ich trotz all meinen schlechten Seiten so beliebt bin.
Eines von den vielen Autos, die an mir vorbeifuhren, hupte plötzlich und riß
mich aus meinen Überlegungen. Ich wollte gerade in die Richtung des Geräuschs
schauen, als das Auto auch schon an mir vorbeifuhr. Wäre ich nicht so in meinen
Gedanken vertieft gewesen, hätte ich mich gewundert, was das sollte. So aber
sprang ich schnell auf den Gehsteig zurück, wo mich fast ein Radfahrer
niedergeführt hätte.
Ein Weilchen später als eigentlich geplant traf ich in der "Wunderbar"
ein. Der Name des Lokals allein regte mich schon etwas auf. Die Phantasie der Leute
wird immer mehr reduziert auf vorgefertigte, offensichtliche, und oft nicht einmal
mehr lustige Denkmuster. Ich meine, es konnten ja fast nur uninteressante Spießer
in dieser Bar hocken, die sich wünschten, irgendetwas wunderbares in ihrem Leben
zu haben. Doch als ich die Tür aufschlug, merkte ich relativ bald, daß ich
mich geirrt hatte. Ein paar Leute saßen an den Tischen und nuckelten an ihren
Getränken. Im hinteren Teil des Raumes gab es eine kleine Tanzfläche, auf
der sich wenige schlecht angezogene Individuen teils un-, teils rhythmisch aneinander
schmiegten.
An einem Tisch am Rand erspähte ich schließlich eine Frau, die mir in jeder
Hinsicht so vorkam, als wäre sie Mikes zu beobachtende Freundin. Leicht gelockte,
blonde Haare rahmten ein eher ausdrucksloses Gesicht ein, in dem man doch ab und
zu ein paar Regungen sehen konnte. Mit Jeans und einem koketten Hawaiihemd bekleidet,
wobei sich beides wie angegossen an ihren Körper legte, war sie fast unscheinbar.
Ein kontrollierender Blick auf das Foto, das mir Mike überlassen hatte,
genügte mir jedoch. Sie saß mit zwei anderen Frauen zusammen, eine davon
mischte gerade einen Stapel Karten.
Mein Beruf gestattet es mir aber nicht, solch harmlosen Situationen arglos
gegenüber zu stehen. Ich bestellte mir etwas zu trinken, dann packte ich meine
kompakt gebaute Spionagekamera aus, um für den Fall, daß ich Jung-Svenson
eine schlechte Nachricht zu erzählen hätte, bereit zu sein. Als das
Getränk kam, prostete ich zuerst in die Runde, dann trank ich. Nicht weit
entfernt sah ich eine Zeitung liegen, also schlurfte ich los und schnappte sie mir.
Eine Zeit lang las ich die neuesten Meldungen inklusive Zeitungsenten aus aller Welt,
wobei ich natürlich nicht vergaß, ab und zu über den Rand des Papiers
zu lugen, denn immerhin war ich nicht aus Spaß hier, sondern um zu observieren.
Einmal wurde ich unruhig, denn die Freundin stand auf und ging in Richtung der
Tanzfläche; Doch sobald sie in der dahinterliegenden Tür verschwand, auf
der ein Symbolbild einer Frau gezeichnet war, wandte ich mich wieder der Zeitung zu.
Ich hatte mich vorhin nicht wirklich auf das Gelesene konzentriert, darum kam ich erst
jetzt dahinter, warum ich mir abgesehen vom Getränk, das immer wärmer wurde,
vorkam, als würde ich in einem Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen: Die Zeitung
war nämlich schon von letzter Woche. Also legte ich sie weg, und wartete darauf,
daß mein Opfer wieder aus dem Klo kam. Was auch bald geschah. Sie setzte sich
wieder zu ihren Kumpels und nahm die Karten vom Tisch, um weiterzuspielen. Alles in
allem sah es auch nach ein paar Stunden eifrigem Wartens nicht so aus, als würde
heute noch irgendetwas aufregendes passieren.
Ich bestellte hin und wieder etwas und trank in vollen Zügen, weshalb es soweit
kam, daß ich schon etwas angetrunken war, als Mikes Freundin um halb drei das
Lokal verließ. Ich nahm nicht an, daß es notwendig wäre, sie noch
länger unter Beobachtung zu halten, zumal ich auch schon ein wenig müde
wurde. So erklärte ich meinen Arbeitstag für beendet, was für mich
nur eines hieß: Ich bestellte noch ein paar Biere und kurz nach der Sperrstunde
noch einen Whiskey. Dann torkelte ich nach Hause.
Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Tage lang, bis es mir schließlich am
Samstag darauf zu bunt wurde. Ich hatte mich einmal mehr in der "Wunderbar"
eingefunden, um meinem Fall endgültig die richtige Würze zu geben. Noch
immer nicht gab es irgendwelche Anzeichen von Sprüngen, weder von
Seitensprüngen von Seiten Jung-Svensons Freundin, noch von Luftsprüngen
meinerseits, und auf dem Film in meiner Kamera hatte ich bisher nur wenige Fotos
angesammelt, nämlich eines von meinem Opfer beim Kartenspielen, eines, wo sie
gerade mit einer ihrer Bekannten, die ich auch schon in der "Wunderbar" gesehen
hatte, tanzte, ein Foto, auf dem ich nur den Eingang der "Wunderbar" abgelichtet
hatte, dann noch eines, bei dem auf der linken Hälfte mein Daumen, auf der
rechten irgendein Besoffener zu sehen war, der gerade eine Flasche zum Trunk ansetzte.
Das nächste zeigte Fred, der gerade freudestrahlend einen Drink mixte, und auf
dem letzten Bild hatte ich Mikes Freundin von hinten, als sie gerade wieder einmal
aufs stille Örtchen ging.
Also beschloß ich, Amor einen Pfeil zu entwenden und diesen durch die Herzen
von sowohl Mikes Freundin, als auch einem etwas übergewichtigen Kerl, der,
trotzdem er Brillenträger war, gut aussah - soweit ich das als Mann beurteilen
kann - zu schießen. Ich schob eben jenem Mann, der zufälligerweise gerade
neben mir an der Bar saß, ein paar Geldscheine zu, und nachdem alle
Mißverständnisse aufgeklärt waren, bat ich ihn, doch ein wenig
mit der netten jungen Dame, die dort mit zwei anderen am Tisch saß, zu flirten.
Zuerst wollte er mir meine Bitte verweigern, da er glaubte, ich würde mir einen
Scherz mit ihm erlauben, aber als ich ihn aufklärte, daß ich ein
überall geschätzter Privatdetektiv sei und er mir mit diesem Gefallen
weiterhelfen könne, einen überaus verzwickten Fall zu lösen, tat
er sofort bereitwillig alles, was ich von ihm verlangte.
Langsam schlenderte er durch den Raum. Vielleicht überlegte sich das arme
Würstchen dabei, mit welchem von den drei Anmach-Sprüchen, die er auf
Lager hatte, es diesmal zu verhindern wäre, eine saftige Ohrfeige abzufangen,
so wie er es wohl schon öfter erlebt hatte, sonst würde er wohl nicht
alleine in diesem Lokal sitzen. Ich wollte keinesfalls mit ihm tauschen. Konnte
ich auch gar nicht, denn immerhin mußte ich im Ernstfall den Auslöser
meines Fotoapparats betätigen. Das Würstchen kam Mikes Freundin immer
näher, und schließlich beugte er sich zu ihr hinunter. Nun würde
sich zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt war. Man konnte sehen, daß er
freundlich versuchte, eine Konversation in Gang zu bringen, was gar nicht einfach
war, in dem Bewußtsein, jeden Moment vom Gesprächspartner geschlagen
werden zu können. Die Spannung stieg, und zu meinem Bier, das auf der Bar
stand, fehlte mir eigentlich nur noch das Popcorn, um mich wie im Kino zu fühlen.
Heimlich fing ich an, Bilder zu schießen. Das Gespräch dauerte jetzt schon
fast fünf Minuten, weshalb es nicht mehr lange dauern konnte, bis sich das
Würstchen überwinden würde, die entscheidende Frage zu stellen.
Und wie schon so oft zuvor, sollte ich auch jetzt recht behalten: Ich war gerade
fertig geworden, die Kamera darauf einzustellen, daß sie alle paar Sekunden
ein Foto schießen sollte, als plötzlich ein lauter Klatscher durch das
Lokal tönte. Unverkennbar rieb sich das Würstchen seine Wange, womit der
Fall für mich erledigt war. Die Unschuld von Mikes Freundin war endlich gezeigt.
Ich hatte das Beweisfoto, das ich brauchte, damit mir Mike endlich meine verdiente
restliche Bezahlung geben würde.
Ich besuchte noch zwei Mal die "Wunderbar", nur um nach dem rechten zu sehen.
Ich mußte ja schließlich mit ein paar Gläsern Whiskey würdig
Abschied von dem Lokal nehmen, in dem ich den wohl langweiligsten Fall gelöst
hatte, mit dem ich je betraut worden war. Für meinen Teil war ich zwar verdammt
froh, daß ich nur eine Körperverletzung hatte anstiften müssen, aber
langweilig blieb der Fall trotzdem. Manchmal sah ich auch Mikes Freundin noch, aber
das berührte mich nicht mehr wirklich. Der Abschied fiel mir
dementsprechend leicht.
Am übernächsten Donnerstag, kurz nachdem ich meine Augen geöffnet
hatte, dachte ich mir, daß nun ein guter Moment wäre, den jungen Svenson
anzurufen. Mittlerweile konnte ich ihm genug Arbeitsstunden verrechnen, daß
ich genug Geld hätte, die Miete für letzten und diesen Monat zu bezahlen
und ich dazu außerdem nicht verhungern müßte. Also machte ich das
auch. Er wollte mich schon am Telefon mit Fragen durchlöchern, aber ich blockte
ab, mit der Erklärung, daß ihm seine Freundin eigentlich wichtiger sein
sollte als die paar Cent, die ich für den Telefonanruf bezahlte. Er stimmte mir
zu, und innerhalb von einer halben Stunde stand er bei mir im Büro.
Ich erzählte ihm, daß er sich keine Sorgen machen müßte, er
konnte sich voll auf die Treueschwüre seiner Freundin verlassen, sollte sie
ihm jemals solche gemacht haben. Als Beweis legte ich ihm die wichtigsten Fotos
vor, die ich geschossen hatte. Ich konnte direkt die Erleichterung spüren,
die ihn durchflutete, und auch ich war zufrieden, als ich endlich mein Geld in den
Händen hielt. Während ich ihm die Türe wies, kam mir in den Sinn,
daß ich eigentlich froh sein konnte, daß ich mir selbst meine Werktage
aussuchen konnte.
Zu Mittag besuchte ich wieder einmal seit langem das "Winner's Edge".
Fred winkte mir zu, es war gut, wieder ein freundliches Gesicht zu sehen. Schwer
ließ ich mich auf meinen Stuhl bei Tisch 3 fallen und las mir die Speisekarte
durch. Ich mußte feststellen, daß Fred seine neue Kreation schon darin
aufgenommen hatte. Nachdem ich bestellt hatte, zündete ich mir einen Zigarillo
an. Schon nach wenigen Minuten kam mein duftendes Steak inklusive Kartoffeln, und
nachdem ich gegessen hatte, bedankte sich mein Magen mit einem angenehmen
Völlegefühl.
Fred war ja mein Barkeeper und mein Freund, deswegen konnte ich nicht genau
unterscheiden, in welcher Funktion er sich zu mir an den Tisch gesellte. Nach dem
üblichen, aber notwenigen freundschaftlichen Geplänkel fragte er mich
unverblümt, ob ich meinen Fall schon abgeschlossen hätte.
"Aber natürlich", antwortete ich, "du kennst mich ja. Ich
löse meine Fälle immer schnell und erfolgreich, auch wenn sie eigentlich
wie mein letzter meiner unwürdig sind."
"Na klar. Und, wie erfolgreich warst du?" wollte er wissen.
Ich überlegte eine Weile. "Nun, ich habe ein Liebespaar zu mehr Innigkeit
verholfen, genug Mäuse bekommen, und außerdem habe ich mir neue
Socken gekauft."
"Toll. Neue Socken. Aber..."
Fred stockte kurz. "Du bist ja heute richtig umgänglich. Was ist
los mir dir?"
"Umgänglich? Hmm. Vielleicht hat mich dieser Fall dazu gebracht, wieder
an das Gute im Menschen zu glauben. Aber ich muß dir auch gestehen, daß
ich in einer anderen Bar ein paar Biere getrunken habe. Ich hoffe, du bist mir
deswegen nicht allzu böse."
"Was? Kommt darauf an. Hast du wenigstens dabei an mich gedacht?"
"Glaubst du vielleicht, ich lege mir jetzt ein anderes Stammlokal zu? Nie im
Leben. Da bräuchte ich doch viel zu lange, um die Bedienung auf meine
Wünsche und Eigenheiten zu trainieren."
"Gut. Dann will ich dir ausnahmsweise verzeihen." meinte Fred mit
schelmischem Grinsen, einem Grinsen, das nur Barkeeper mit Leib und Seele beherrschen.
"Ich habe dir übrigens auch etwas mitgebracht."
Ich zog eine Kopie des Fotos hervor, das ich gerade gemacht hatte, als Svensons
Freundin das Würstchen, das ich angeheuert hatte, ohrfeigte, und überreichte
es Fred.
Und wieder einmal hatte mich meine Menschenkenntnis nicht im Stich gelassen. Fred
dürfte sich über den Schnappschuß wirklich gefreut haben, denn
schon am nächsten Tag hing es auf der Pinwand hinter der Schenke. Als ich das
Bild so hängen sah, wurde mir eines bewußt: Sollte ich mich jemals
vom "Winner's Edge" verabschieden müssen, aus welchem Grund auch
immer, würde mich das ganz schön hart treffen. Vielleicht lag es daran,
daß ich hier Freunde hatte, die mich nicht nur als den besten Privatdetektiv
der Stadt schätzten, sondern auch als Menschen, vielleicht lag es aber auch
einfach an dem guten Bier. Auf jeden Fall spürte ich, daß ich noch viele
Fälle lösen würde, bevor es jemals soweit kam, Lebewohl sagen
zu müssen.
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