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Wortlaut 2004

Soda, jetzt ist also der Einsendeschluß schon längst vorbei und man läßt uns noch immer (7. August) im eigenen Buchstabensalat schmoren... Laut FM4-Homepage haben über 1000 Leute mitgemacht. Womit meine Chancen mit 1 zu über 1000 nicht gerade die Besten sind, da zu gewinnen. Vor allem, weil ich den Text noch immer in der alten Rechtschreibung verfaßt habe. Was mich aber zum Glück nicht daran hindert, selbigen hier nach dem schon unweigerlich abgestandenen Motto "Literatur ist... die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen." zu publizieren. Was ich hiermit auch machen will. Viel Spaß beim Lesen.
P.S.: Jetzt hab ich doch glatt fast vergessen, noch auf das offene Kulturportal www.fm5.at hinzuweisen, an dem man auch so manch gute Texte begutachten kann. Wenn man will. Aber genug geredet.

 

 

 

Werktags

"Wie man oft so sagt, ist der Mensch die am höchsten entwickelte Gattung auf unserem Planeten Erde. Er hat sich im Lauf der Zeit die Fähigkeit angeeignet, als Baby zu brabbeln und in weiterer Folge fast sein ganzes Leben lang zu sprechen. Entweder zu sich selbst oder zu anderen Menschen. Die Größe des menschlichen Mundes ist einerseits ein guter Kompromiss zwischen den beiden Vergnügen, die der Mund oft auch aller Menschen bietet; Von diesen ist Sprechen wohl der interessantere, wenn es auch bei weitem nicht so nahrhaft ist. Stimmen Sie mir da zu?"
"Was? Ich ....."
"Gut. Also, ich will Ihnen hier keine lange Geschichte erzählen, denn für so was habe weder ich noch Sie Zeit. Darum will ich mich auch im Weiteren kurz halten. Der Aspekt der Sprache bringt auch noch etwas anderes mit sich: Sie macht Wörter wie 'werktags' möglich. Für mich bedeutet das aber wenig, weil für mich jeder Tag ein Werktag sein kann. Meine Feiertage mache ich, wann ich will und kann. Aber ich nehme meine Arbeit ernst, und deswegen habe ich keine Zeit für Ihre Sonderwünsche."
Ich wartete keine Antwort ab, sondern ließ den Telefonhörer gleich wieder in die Gabel flutschen, was meine Deutlichkeit - so hoffte ich zumindest - noch unterstreichen sollte. Das brauchte ich jetzt. Es gibt nichts erleichterndes, als jemandem gehörig die Meinung zu sagen, und wenn es nur der Hausmeister ist, der die Glühbirnen im Hausflur auswechseln will und dazu die Leiter braucht, die ich mir vor einiger Zeit ausgeborgt hatte. Wenn ich keine Zeit habe, dann habe ich eben keine. Denn ich habe nicht gelogen: Ich nehme meinen Job wirklich ernst, und die Zeit ist nicht mein einziger Gegner, aber mein stärkster.
Tatsächlich, die Zeit ist knapp. Beinahe so knapp wie der Whiskey in der Flasche vor mir, die ich schon seit Jahren aus Sicherheitsgründen immer auf meinem Schreibtisch abstelle. Und immerhin brauche ich bei meiner Tätigkeit höchste Konzentration. Ich löse Fälle, und zwar fast alle.
Es war Dienstag nachmittag und mein Stuhl quietschte. Die Sonne schien durch die halbgeschlossene Jalousie, auf der eine Fliege gerade ihr Unwesen trieb. Ein Stapel frischgedruckter Visitenkarten lag vor mir: 'Wazle Hazlenut, Privatdetektiv', und ich dachte, daß ich die wohl nicht so schnell los werden würde. Denn mein Ruf eilt mir weit voraus: Nicht ich muß zu den Leuten gehen, nein, die Leute kommen zu mir.
So wie auch der Typ mittlerer Gestalt, der an jenem Tag in mein Büro stürmte und mich gerade dabei erwischte, als ich - aus rein gesundheitlichen Gründen - in der Nase bohrte. Das machte ihn mir gleich unsympathisch, denn er hatte nicht angeklopft. Irgendwie kam er mir bekannt vor, ich wußte nur nicht mehr, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte.
"Ich habe gehört, Sie sind Privatdetektiv?" fing er an.
"Der Beste", gab ich, ohne meinen Stolz zu verbergen, zurück.
"Gut. Dann würde ich Sie gern um Ihre Hilfe bitten dürfen."
Mittlerweile schon etwas genervt meinte ich: "Wenn Sie es gern dürfen können würden, dann machen Sie es doch auch. Ich habe meine Zeit doch auch nicht gestohlen."
Was zweifelsohne stimmte. Auf meinen Ratschlag hin fing der Typ an, mir seine Lebensgeschichte preis zu geben. Um mir die Zeit zu vertreiben, schaltete ich das Radio leise ein. Aufmerksam lauschte ich der Stimme - nicht meines Gegenübers, sondern jener im Radio, denn gerade wurde ein Beitrag über die Risiken und Nebenwirkungen von Whiskey gesendet. Ich konnte mir es aber immerhin erlauben, lieber der Reportage als meinem Klienten zuzuhorchen, denn ich wußte schon: Meistens verhält es sich so, daß die Leute zuerst immer eine halbe Stunde irgendwelche Dinge erzählen, die erstens sowieso keinen Menschen interessieren und mir zweitens keineswegs beim Lösen des Falls helfen. Außerdem will ich immer jeden Auftrag unvoreingenommen angehen, ohne daß ich schon im Vornherein eine Position für oder gegen meine Kunden beziehen muß. Dabei stört mich das Gequatsche nur.
"Also, jetzt habe ich Ihnen genug erzählt, damit Sie mein Problem verstehen. Und das Problem wäre folgendes: Ich glaube nämlich, daß mich meine Freundin betrügt."
Aha. Jetzt begann also der interessante Teil.
"Wer?" fragte ich deswegen nochmals, während ich das Radio abstellte.
"Meine Freundin."
"Aja. Verstehe. Und mit wem?"
"Wenn ich das wüßte, wäre ich wohl kaum zu Ihnen gekommen. Ich würde Sie jetzt bitten, meine Befürchtungen einmal zu überprüfen. Observieren Sie sie, aber gehen Sie dabei möglichst diskret vor. Ich möchte nicht, daß meine Freundin zu früh etwas davon erfährt, besonders, wenn es nicht stimmt."
"Aber ich bitte Sie - Diskretion ist mein zweiter Name. Ich sorge schon dafür, daß es unter uns bleibt."
"Super. Jetzt komme ich gerade darauf, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Mike Svenson. Hier ist meine Adresse und Telefonnummer" - er reichte mir ein Kärtchen - "unter der Sie mich erreichen können. Aber rufen Sie erst ab sieben Uhr abends an, vorher werden Sie wahrscheinlich hoffentlich nur meine Freundin erreichen."
"Alles klar." meinte ich, "Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde mir mal ihr Mädchen genauer unter die Lupe nehmen. Ich rufe Sie dann an, wenn ich etwas in der Hand habe."
Der Typ glotzte noch ein wenig, aber als ich schließlich die Hand aufhielt, verstand er mich richtig und legte ein paar Geldscheine hinein. Ich bedankte mich artig, auch wenn mir der Mann noch immer unsympathisch war. Immerhin will ich meine Kunden nicht vergraulen, und auch wenn ich dem Kapitalismus sonst nichts abgewinnen kann, muß ich doch von irgendetwas meine Miete und mein tägliches Vollkornweckerl zahlen. Während ich ihm die Tür zeigte, fragte ich ihn noch, welches Lokal seine Freundin normalerweise frequentierte.

 

Um etwa halb acht Uhr abends betrat ich das "Winner's Edge". Es war mäßig gefüllt, was ungewöhnlich für einen Dienstagabend war. Fred, der Barkeeper und einer meiner vertrautesten Freunde, schien recht gestresst zu sein, weshalb ich es ihm nicht verübeln konnte, daß er mich nicht einmal grüßte. Ich beschloß, mich an die Bar zu setzen, was ebenfalls ungewöhnlich war, denn normalerweise setzte ich mich auf meinen Stammplatz, den guten alten Tisch 3, ein paar Meter vom obligatorischen Klavier entfernt. Nicht sofort, aber definitiv gut gelaunt, gesellte sich Fred zu mir und stellte mir ein abfarbiges, undefinierbares Gesöff vor die Nase.
"Hier, probier das mal und sag mir, wie's schmeckt."
"Willst du mich vergiften? Was ist das für ein Zeug?"
"Das ist das Geheimnis guter Shake-Kunst. Die Leute rennen mir die Bude ein, seit sich dieses Baby herumgesprochen hat."
"Dann ist's sicher nichts für mich. Du weißt ja, ich stehe eher auf Altbewährtes."
Trotzdem nippte ich, was mich dazu veranlaßte, eine Grimasse zu ziehen, nach der sich Frankensteins Monster alle Finger geleckt hätte. Fred mußte meine Antipathie bemerkt haben, denn mit einer versöhnenden Miene meinte er: "Gut, ich sehe schon, ich bringe dir lieber ein Bier."
In heller Vorfreude unterdrückte ich den Brechreiz, der sich langsam in meinem Gaumen breit machte, und würgte hervor, daß ich schon eines zum Hinunterspülen gebrauchen könnte.
"Also, was gibt's neues?"
"Ich habe wieder einen Fall übernommen. Leider darf ich nicht drüber sprechen, mein Klient will anonym bleiben."
"Schade. Und was ist das für ein Fall?"
"Ach, nichts weiter aufregendes. So ein liebestoller Narr glaubt, seine Freundin würde ihn betrügen. Mike Svenson."
"Aja, das muß der Sohn vom alten Hafenarbeiter Svenson sein, nicht wahr? Der Alte säuft sich bei mir jedes Wochenende die Hucke voll. Und was glaubst du, hat der Junge recht mit seiner Vermutung?"
Fred hatte mir damit unbewußt geholfen, zu klären, woher ich meinen neuen Klienten schon kannte: Früher schon einmal hatte ich nämlich für den alten Svenson einen äußerst delikaten Fall übernommen und nach vielen Anstrengungen auch gelöst.
Beruhigt gab ich Antwort: "Na klar. Die Frau - in Wahrheit jede Frau - wäre ja blöd, wenn sie einem solch langweiligen, naiven Typen die Treue halten würde. Seien wir uns ehrlich, der alte Svenson hat ja wenigstens was im Kopf, aber der junge... Und bekanntlicherweise kommt ja nichts besseres nach."
Ich setzte zuerst das Glas Bier zum Trinken an, dann aber sogleich noch einen Satz dazu: "Außer dieses Bier nach deinem ekligen Getränk."
Fred grinste. "Da hast du wohl recht. Aber was soll's - so gute Umsätze habe ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt. Und solange die Leute es trinken, kräht kein Hahn danach, ob's dir schmeckt."
Da war wohl etwas wahres dran. Ich trank langsam zuerst mein Bier aus, und dann das meines Barnachbarn, was dieser aber zum Glück eh nicht mehr mitbekam, denn es war schon spät geworden. Daraufhin setzte ich mich in Bewegung. Ich hatte einen Fall zu lösen.

 

Der Abend war lau und ein wenig bewölkt, und in der Luft lag noch der leichte Geruch eines arbeitsreichen Tages. Obwohl das Lokal, das mir Mike Svenson genannt hatte, fast am anderen Ende der Stadt lag, dachte ich mir, daß es eine gute Idee wäre, zu Fuß dorthin zu marschieren. Während des Weges spielte ich verschiedene Möglichkeiten durch, was ich am Ziel wohl vorfinden könnte. Am wahrscheinlichsten war, daß ich tatsächlich Mikes Freundin in einer kompromitierenden Lage auffinden würde, und trotzdem er mir höchst unsypathisch, um nicht zu sagen beleidigend vorkam, tat er mir in gewisser Hinsicht leid. Ich selbst war auch schon wieder so lange alleine gewesen, deswegen sagte ich zu mir selbst, daß es kein verliebter Mann verdient hat, entweder keine Frau an seiner Seite zu haben, oder noch schlimmer, eine Frau an seiner Seite zu haben, die ihn nur benutzte. Aber das konnte ich wohl nicht ändern: Manche Menschen werden schon mit der Eigenschaft geboren, egoistisch und unsensibel zu sein.
Da kam mir auf einmal wieder mein Telefonat mit meinem Hausmeister von heute morgen in den Sinn, und ich bemerkte erst jetzt, wie barsch ich eigentlich gewesen war. Man konnte ja nicht gerade behaupten, daß ich ihn mit Respekt behandelt hatte. Ich stellte mir vor, was ich machen würde, würde jemand, dem ich eigentlich nur helfen will, mich so behandeln, wie ich es aus reiner Lust an der Freude heraus getan hatte: Nämlich diese Person so laut zur Rede stellen und ihr meine Meinung mit solcher Lautstärke kund zu tun, daß sie in das nächste M usikfachgeschäft gehen müßte, um sich ein neues Trommelfell zu kaufen.
Prinzipiell meine ich nicht, daß ich eine schlechte Person bin. Ich rufe nie beim Pizzaservice an und gebe eine falsche Adresse durch, und ich habe auch erst einmal eine Kerze aus der Kirche gestohlen. Niemals im Leben habe ich etwas gestohlen, außer vielleicht manchen Menschen ihren letzten Nerv, und selten läute ich an fremden Häusern und laufe dann schnell um die Ecke. Zugegeben, oft habe ich meine Launen, die auch bewirken, daß viele Leute nie mit mir zurecht kommen, und es ist auch so, daß man sich erst meine Freundschaft verdienen muß, aber deswegen bezeichne ich mich nicht als schlechten Menschen. Vielmehr ist es einfach so, daß ich mir meine Macken erst im Lauf der Zeit angewohnt habe. Als Privatdetektiv, und noch dazu als so guter, wie ich einer bin, darf man sich eben nicht herumkommandieren lassen.
Ich glaube fest daran, daß es nach unserem Leben etwas gibt, das über uns richtet, und wenn das nur die Würmer und Käfer unter der Erde sind, die das gute Fleisch anknabbern, das modrige, schlechte jedoch einfach liegen lassen, bis es kein Fleisch mehr ist. Mir persönlich ist es dabei relativ egal, ob ich einmal als Nahrungsquelle herhalten muss oder nicht, immerhin werde ich dann schon tot sein, wenn das passiert, aber höchstwahrscheinlich werden mich bei meinem zähen Muskeln die Tiere der Unterwelt sowieso in Ruhe lassen. Ich werde noch länger die Kartoffeln von unten betrachten, als manch einem lieb sein wird. Sind es aber nicht die Würmer, die über uns richten, sondern tatsächlich so etwas wie ein Gott - ob er jetzt lieb ist oder nicht, lasse ich einmal dahingestellt - dann wird er sowohl unsere Taten als auch unsere Gedanken bewerten. Das erfüllt mich immer, wenn ich darüber nachdenke, mit ein wenig Hoffnung. Denn als Schnüffler habe ich viele gute Ideen, um meinen Klienten zu helfen, was auch der Grund sein dürfte, daß ich trotz all meinen schlechten Seiten so beliebt bin.
Eines von den vielen Autos, die an mir vorbeifuhren, hupte plötzlich und riß mich aus meinen Überlegungen. Ich wollte gerade in die Richtung des Geräuschs schauen, als das Auto auch schon an mir vorbeifuhr. Wäre ich nicht so in meinen Gedanken vertieft gewesen, hätte ich mich gewundert, was das sollte. So aber sprang ich schnell auf den Gehsteig zurück, wo mich fast ein Radfahrer niedergeführt hätte.
Ein Weilchen später als eigentlich geplant traf ich in der "Wunderbar" ein. Der Name des Lokals allein regte mich schon etwas auf. Die Phantasie der Leute wird immer mehr reduziert auf vorgefertigte, offensichtliche, und oft nicht einmal mehr lustige Denkmuster. Ich meine, es konnten ja fast nur uninteressante Spießer in dieser Bar hocken, die sich wünschten, irgendetwas wunderbares in ihrem Leben zu haben. Doch als ich die Tür aufschlug, merkte ich relativ bald, daß ich mich geirrt hatte. Ein paar Leute saßen an den Tischen und nuckelten an ihren Getränken. Im hinteren Teil des Raumes gab es eine kleine Tanzfläche, auf der sich wenige schlecht angezogene Individuen teils un-, teils rhythmisch aneinander schmiegten.
An einem Tisch am Rand erspähte ich schließlich eine Frau, die mir in jeder Hinsicht so vorkam, als wäre sie Mikes zu beobachtende Freundin. Leicht gelockte, blonde Haare rahmten ein eher ausdrucksloses Gesicht ein, in dem man doch ab und zu ein paar Regungen sehen konnte. Mit Jeans und einem koketten Hawaiihemd bekleidet, wobei sich beides wie angegossen an ihren Körper legte, war sie fast unscheinbar. Ein kontrollierender Blick auf das Foto, das mir Mike überlassen hatte, genügte mir jedoch. Sie saß mit zwei anderen Frauen zusammen, eine davon mischte gerade einen Stapel Karten.
Mein Beruf gestattet es mir aber nicht, solch harmlosen Situationen arglos gegenüber zu stehen. Ich bestellte mir etwas zu trinken, dann packte ich meine kompakt gebaute Spionagekamera aus, um für den Fall, daß ich Jung-Svenson eine schlechte Nachricht zu erzählen hätte, bereit zu sein. Als das Getränk kam, prostete ich zuerst in die Runde, dann trank ich. Nicht weit entfernt sah ich eine Zeitung liegen, also schlurfte ich los und schnappte sie mir. Eine Zeit lang las ich die neuesten Meldungen inklusive Zeitungsenten aus aller Welt, wobei ich natürlich nicht vergaß, ab und zu über den Rand des Papiers zu lugen, denn immerhin war ich nicht aus Spaß hier, sondern um zu observieren. Einmal wurde ich unruhig, denn die Freundin stand auf und ging in Richtung der Tanzfläche; Doch sobald sie in der dahinterliegenden Tür verschwand, auf der ein Symbolbild einer Frau gezeichnet war, wandte ich mich wieder der Zeitung zu. Ich hatte mich vorhin nicht wirklich auf das Gelesene konzentriert, darum kam ich erst jetzt dahinter, warum ich mir abgesehen vom Getränk, das immer wärmer wurde, vorkam, als würde ich in einem Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen: Die Zeitung war nämlich schon von letzter Woche. Also legte ich sie weg, und wartete darauf, daß mein Opfer wieder aus dem Klo kam. Was auch bald geschah. Sie setzte sich wieder zu ihren Kumpels und nahm die Karten vom Tisch, um weiterzuspielen. Alles in allem sah es auch nach ein paar Stunden eifrigem Wartens nicht so aus, als würde heute noch irgendetwas aufregendes passieren.
Ich bestellte hin und wieder etwas und trank in vollen Zügen, weshalb es soweit kam, daß ich schon etwas angetrunken war, als Mikes Freundin um halb drei das Lokal verließ. Ich nahm nicht an, daß es notwendig wäre, sie noch länger unter Beobachtung zu halten, zumal ich auch schon ein wenig müde wurde. So erklärte ich meinen Arbeitstag für beendet, was für mich nur eines hieß: Ich bestellte noch ein paar Biere und kurz nach der Sperrstunde noch einen Whiskey. Dann torkelte ich nach Hause.

 

Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Tage lang, bis es mir schließlich am Samstag darauf zu bunt wurde. Ich hatte mich einmal mehr in der "Wunderbar" eingefunden, um meinem Fall endgültig die richtige Würze zu geben. Noch immer nicht gab es irgendwelche Anzeichen von Sprüngen, weder von Seitensprüngen von Seiten Jung-Svensons Freundin, noch von Luftsprüngen meinerseits, und auf dem Film in meiner Kamera hatte ich bisher nur wenige Fotos angesammelt, nämlich eines von meinem Opfer beim Kartenspielen, eines, wo sie gerade mit einer ihrer Bekannten, die ich auch schon in der "Wunderbar" gesehen hatte, tanzte, ein Foto, auf dem ich nur den Eingang der "Wunderbar" abgelichtet hatte, dann noch eines, bei dem auf der linken Hälfte mein Daumen, auf der rechten irgendein Besoffener zu sehen war, der gerade eine Flasche zum Trunk ansetzte. Das nächste zeigte Fred, der gerade freudestrahlend einen Drink mixte, und auf dem letzten Bild hatte ich Mikes Freundin von hinten, als sie gerade wieder einmal aufs stille Örtchen ging.
Also beschloß ich, Amor einen Pfeil zu entwenden und diesen durch die Herzen von sowohl Mikes Freundin, als auch einem etwas übergewichtigen Kerl, der, trotzdem er Brillenträger war, gut aussah - soweit ich das als Mann beurteilen kann - zu schießen. Ich schob eben jenem Mann, der zufälligerweise gerade neben mir an der Bar saß, ein paar Geldscheine zu, und nachdem alle Mißverständnisse aufgeklärt waren, bat ich ihn, doch ein wenig mit der netten jungen Dame, die dort mit zwei anderen am Tisch saß, zu flirten.
Zuerst wollte er mir meine Bitte verweigern, da er glaubte, ich würde mir einen Scherz mit ihm erlauben, aber als ich ihn aufklärte, daß ich ein überall geschätzter Privatdetektiv sei und er mir mit diesem Gefallen weiterhelfen könne, einen überaus verzwickten Fall zu lösen, tat er sofort bereitwillig alles, was ich von ihm verlangte.
Langsam schlenderte er durch den Raum. Vielleicht überlegte sich das arme Würstchen dabei, mit welchem von den drei Anmach-Sprüchen, die er auf Lager hatte, es diesmal zu verhindern wäre, eine saftige Ohrfeige abzufangen, so wie er es wohl schon öfter erlebt hatte, sonst würde er wohl nicht alleine in diesem Lokal sitzen. Ich wollte keinesfalls mit ihm tauschen. Konnte ich auch gar nicht, denn immerhin mußte ich im Ernstfall den Auslöser meines Fotoapparats betätigen. Das Würstchen kam Mikes Freundin immer näher, und schließlich beugte er sich zu ihr hinunter. Nun würde sich zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt war. Man konnte sehen, daß er freundlich versuchte, eine Konversation in Gang zu bringen, was gar nicht einfach war, in dem Bewußtsein, jeden Moment vom Gesprächspartner geschlagen werden zu können. Die Spannung stieg, und zu meinem Bier, das auf der Bar stand, fehlte mir eigentlich nur noch das Popcorn, um mich wie im Kino zu fühlen.
Heimlich fing ich an, Bilder zu schießen. Das Gespräch dauerte jetzt schon fast fünf Minuten, weshalb es nicht mehr lange dauern konnte, bis sich das Würstchen überwinden würde, die entscheidende Frage zu stellen. Und wie schon so oft zuvor, sollte ich auch jetzt recht behalten: Ich war gerade fertig geworden, die Kamera darauf einzustellen, daß sie alle paar Sekunden ein Foto schießen sollte, als plötzlich ein lauter Klatscher durch das Lokal tönte. Unverkennbar rieb sich das Würstchen seine Wange, womit der Fall für mich erledigt war. Die Unschuld von Mikes Freundin war endlich gezeigt. Ich hatte das Beweisfoto, das ich brauchte, damit mir Mike endlich meine verdiente restliche Bezahlung geben würde.

 

Ich besuchte noch zwei Mal die "Wunderbar", nur um nach dem rechten zu sehen. Ich mußte ja schließlich mit ein paar Gläsern Whiskey würdig Abschied von dem Lokal nehmen, in dem ich den wohl langweiligsten Fall gelöst hatte, mit dem ich je betraut worden war. Für meinen Teil war ich zwar verdammt froh, daß ich nur eine Körperverletzung hatte anstiften müssen, aber langweilig blieb der Fall trotzdem. Manchmal sah ich auch Mikes Freundin noch, aber das berührte mich nicht mehr wirklich. Der Abschied fiel mir dementsprechend leicht.

 

Am übernächsten Donnerstag, kurz nachdem ich meine Augen geöffnet hatte, dachte ich mir, daß nun ein guter Moment wäre, den jungen Svenson anzurufen. Mittlerweile konnte ich ihm genug Arbeitsstunden verrechnen, daß ich genug Geld hätte, die Miete für letzten und diesen Monat zu bezahlen und ich dazu außerdem nicht verhungern müßte. Also machte ich das auch. Er wollte mich schon am Telefon mit Fragen durchlöchern, aber ich blockte ab, mit der Erklärung, daß ihm seine Freundin eigentlich wichtiger sein sollte als die paar Cent, die ich für den Telefonanruf bezahlte. Er stimmte mir zu, und innerhalb von einer halben Stunde stand er bei mir im Büro.
Ich erzählte ihm, daß er sich keine Sorgen machen müßte, er konnte sich voll auf die Treueschwüre seiner Freundin verlassen, sollte sie ihm jemals solche gemacht haben. Als Beweis legte ich ihm die wichtigsten Fotos vor, die ich geschossen hatte. Ich konnte direkt die Erleichterung spüren, die ihn durchflutete, und auch ich war zufrieden, als ich endlich mein Geld in den Händen hielt. Während ich ihm die Türe wies, kam mir in den Sinn, daß ich eigentlich froh sein konnte, daß ich mir selbst meine Werktage aussuchen konnte.
Zu Mittag besuchte ich wieder einmal seit langem das "Winner's Edge". Fred winkte mir zu, es war gut, wieder ein freundliches Gesicht zu sehen. Schwer ließ ich mich auf meinen Stuhl bei Tisch 3 fallen und las mir die Speisekarte durch. Ich mußte feststellen, daß Fred seine neue Kreation schon darin aufgenommen hatte. Nachdem ich bestellt hatte, zündete ich mir einen Zigarillo an. Schon nach wenigen Minuten kam mein duftendes Steak inklusive Kartoffeln, und nachdem ich gegessen hatte, bedankte sich mein Magen mit einem angenehmen Völlegefühl.
Fred war ja mein Barkeeper und mein Freund, deswegen konnte ich nicht genau unterscheiden, in welcher Funktion er sich zu mir an den Tisch gesellte. Nach dem üblichen, aber notwenigen freundschaftlichen Geplänkel fragte er mich unverblümt, ob ich meinen Fall schon abgeschlossen hätte.
"Aber natürlich", antwortete ich, "du kennst mich ja. Ich löse meine Fälle immer schnell und erfolgreich, auch wenn sie eigentlich wie mein letzter meiner unwürdig sind."
"Na klar. Und, wie erfolgreich warst du?" wollte er wissen.
Ich überlegte eine Weile. "Nun, ich habe ein Liebespaar zu mehr Innigkeit verholfen, genug Mäuse bekommen, und außerdem habe ich mir neue Socken gekauft."
"Toll. Neue Socken. Aber..."
Fred stockte kurz. "Du bist ja heute richtig umgänglich. Was ist los mir dir?"
"Umgänglich? Hmm. Vielleicht hat mich dieser Fall dazu gebracht, wieder an das Gute im Menschen zu glauben. Aber ich muß dir auch gestehen, daß ich in einer anderen Bar ein paar Biere getrunken habe. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht allzu böse."
"Was? Kommt darauf an. Hast du wenigstens dabei an mich gedacht?"
"Glaubst du vielleicht, ich lege mir jetzt ein anderes Stammlokal zu? Nie im Leben. Da bräuchte ich doch viel zu lange, um die Bedienung auf meine Wünsche und Eigenheiten zu trainieren."
"Gut. Dann will ich dir ausnahmsweise verzeihen." meinte Fred mit schelmischem Grinsen, einem Grinsen, das nur Barkeeper mit Leib und Seele beherrschen.
"Ich habe dir übrigens auch etwas mitgebracht."
Ich zog eine Kopie des Fotos hervor, das ich gerade gemacht hatte, als Svensons Freundin das Würstchen, das ich angeheuert hatte, ohrfeigte, und überreichte es Fred.
Und wieder einmal hatte mich meine Menschenkenntnis nicht im Stich gelassen. Fred dürfte sich über den Schnappschuß wirklich gefreut haben, denn schon am nächsten Tag hing es auf der Pinwand hinter der Schenke. Als ich das Bild so hängen sah, wurde mir eines bewußt: Sollte ich mich jemals vom "Winner's Edge" verabschieden müssen, aus welchem Grund auch immer, würde mich das ganz schön hart treffen. Vielleicht lag es daran, daß ich hier Freunde hatte, die mich nicht nur als den besten Privatdetektiv der Stadt schätzten, sondern auch als Menschen, vielleicht lag es aber auch einfach an dem guten Bier. Auf jeden Fall spürte ich, daß ich noch viele Fälle lösen würde, bevor es jemals soweit kam, Lebewohl sagen zu müssen.

 


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